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Borken, 28. Februar 2017  

Kleines Geld und große Ziele

Der Offene Ganztag krankt an klammen Kassen / Es gibt aber auch positive Beispiele: Ein Besuch in Borken

Von Elmar Ries

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Mittagessen als Lernfeld: Karina Keichel-Sitterlee nutzt auch hier die Gunst der Stunde.
Fotos: Gunnar A. Pier

BORKEN. Die Wohlfahrtsverbände sind beim Thema Offene Ganztagsschulen (OGS) noch nicht ganz auf den Barrikaden. Aber fast. Zu wenig Geld vom Land NRW und keine Standards bei anerkannt wichtiger Arbeit: Da beißt sich etwas ganz grundsätzlich, meinen die Verbände, die rund 80 Prozent der Offenen Ganztagsschulen in NRW betreiben. Im März wollen sie darum eine Kampagne starten. Was genau bis zur Landtagswahl stattfinden soll, ist geheim. Nur dass etwas stattfinden wird, steht fest.

Beim Offenen Ganztag geht es der Landesregierung um vieles. Vor allem aber um die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Einfach nur bis in den späten Nachmittag geparkt werden, dürfen die Kinder aber nicht. Die Einrichtungen sollen ein "hochwertiges und umfassendes Bildungs- und Erziehungsangebot liefern", so steht es im Erlass. Das hat aber seinen Preis. Etwas mehr als 3000 Euro kostet ein OGS-Platz pro Jahr. Das hat die Arbeiterwohlfahrt (AWO) ausgerechnet. Land und Kommunen zahlen einen Pflichtteil von 1500 Euro, der über Elternbeiträge teilweise refinanziert werden kann. "In der Regel reicht das Geld vorne und hinten nicht", sagt Ursula Hawighorst vom AWO-Bezirksverband Westliches Westfalen. In der Regel heißt: In den allermeisten Fällen. Es bedeutet aber auch, dass es Ausnahmen gibt. Manche Kommunen zahlen nämlich mehr. So viel mehr, dass die Träger auskömmlich arbeiten können. Kür statt Pflicht.

So wie in Borken. An der Cordula-Schule im Stadtteil Gemen betreibt die Caritas die OGS, die von 58 Kindern an fünf Tagen in der Woche besucht wird. Die "Grundfinanzierung allein reicht nicht aus, um eine pädagogisch wertvolle Arbeit zu finanzieren", sagt auch Michael Wingerath, Leiter der sozialpädagogischen Jugendhilfe beim Caritasverband für das Dekanat Borken. Satteln Städte finanziell nicht kräftig drauf, haben die Schulen vor Ort schnell ein akutes Problem mit der Nachmittagsbetreuung. Vor allem die qualifizierte Betreuung der Kinder ist dann kaum zu gewährleisten. Weil es kein Fachkräftegebot gibt, setzen die Träger dann oft und gerne auf prekäre Arbeitsverhältnisse. Die Folge: Betreuern bei der Hausaufgabenhilfe fehlt das nötige Wissen, Honorarkräfte sind mit Kindern, die Wingerath freundlich "verhaltensoriginell" nennt, schnell überfordert, Jungen und Mädchen mit wenigen bis keinen Deutschkenntnissen bleiben auf der Strecke.

An der Cordula-Schule ist die OGS-Leiterin Karina Keichel-Sitterlee ausgebildete Erzieherin. Ihre Stellvertreterin hat die gleiche Qualifikation. Hinzu kommen vier Ergänzungskräfte. Dass sich in Gemen auch darunter Erzieherinnen befinden, nennt Wingerath "einen Glücksfall".

Pädagogisch arbeiten bedeutet hier: ein Konzept zu haben, das vom Personal mit dem nötigem Background umgesetzt wird und zudem externe Kompetenz einbezieht. Nach dem Mittagessen werden Hausaufgaben gemacht, "wenn möglich klassenweise und mit Unterstützung von Lehrern", erklärt Keichel-Sitterlee. Danach stehen Freizeit, Spiel und AGs auf dem Programm, in denen sich wiederum der Kreissportbund genauso engagiert wie die Familienhilfe.

Der vernetzte Ansatz liegt Wingerath am Herzen. "Wir haben sehr viele Spezialisten, die zu sehr in strukturell getrennten Systeme arbeiten", sagt er. Gerade in der OGS könnten sie mehr kooperieren. Schließlich sei die Offene Ganztagsschule "ein zentraler Bereich der gesellschaftlichen Entwicklung“.

Offene Ganztagsschule

In NRW startete die Offene Ganztagsschule im Primarbereich zum Schuljahr 2003 / 2004. Wesentliches Ziel der Nachmittagsbetreuung an Schulen war und ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nach Angaben des Schulministeriums sind inzwischen 90 Prozent aller Grundschulen Offene Ganztagsschulen. Für rund 40 Prozent aller Schüler stehen Plätze bereit. Laut Erlass sollen die Offenen Ganztagsschulen ein "hochwertiges und umfassendes Bildungs- und Erziehungsangebot liefern."

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Quelle: Westfälische Nachrichten

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